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Leroy Phoenix

über Erde und Familie

1. Begegnung

„It´s a kind of magic!“, sang Ade aus vollem Hals und schlug den Takt des Schlagzeugs auf ihrem Lenkrad mit.
„There can be only one!“, grölte Leroy vom Beifahrersitz in das Ohr der Fahrerin. Der Elementarist versuchte, seinen Mangel an Gesangstechnik mit Enthusiasmus zu kompensieren. Ade, die mit vollem Namen Adebola Nwanneka Torosian hieß, drehte das Radio leiser und wandte sich dem jungen Mann mit der frechen Pferdeschwanzfrisur zu. Der Londoner Regen dröhnte immer lauter auf das Wagendach, die Scheibenwischer leisteten rhythmisch Schwerstarbeit.
„Sag mal, Leroy, ist es nicht ironisch, dass gerade wir diesen Song immer und immer wieder begeistert mitsingen? Ich meine, ein Elementemagier und eine Voodoopriesterin?“ Die junge Frau fixierte eine Strähne ihrer Rastazöpfe hinter ihrem Ohr und suchte nach einer Lücke zwischen den Autos, um dem zähfließenden Verkehr zu entkommen.
Leroy zuckte mit den Schultern. „This flame that burns inside of me“, sang er, bevor er antwortete.
„Hast du eigentlich von den Gerüchten gehört, dass Mercury von den Fey gewesen ist?“
Jetzt hatte er ihre ganze Aufmerksamkeit: „Waaas? - Erzähl! Ich will alles wissen!“
„Ich weiß nicht viel, Prosac hält sich zieml …“
Leroy wurde unterbrochen, als ein schwerer Körper auf ihre Motorhaube krachte. Reflexartig stieg Ade auf die Bremsen, die niedrige Geschwindigkeit reichte dennoch aus, um die Gestalt von der Fahrzeughaube auf die Straße zu schleudern. Fahrerin und Beifahrer wurden kurz in die Gurte gedrückt und dann ruckartig zurück in ihre Sitze geworfen. Der rostige Kombi erstarb stotternd. Blutige Schlieren auf dem moosgrünen Lack der Karosserie bildeten einen harten Kontrast. Rasch wurde das Blut von dem prasselnden Regen abgewaschen, so dass der

Magier sich fragte, ob nicht alles nur Einbildung war. Da knallte eine bleiche Frauenhand von der Straße auf die Motorhaube und eine Frau in einem olivgrünen Militärparka stemmte sich schwankend in die Höhe. Verfilzte hennarote Rastazöpfe fielen wild in ein blasses, irisch anmutendes Gesicht. Leroy schaute in panikerfüllte, karibikgrüne Augen, die der Magier innerhalb eines Lidschlags wiedererkannte. Das war die Kriegerin, die ihm im vergangenen Jahr das Leben gerettet hatte! Mit einem tiefen Knurren sprang die Frau zwischen zwei Fahrzeugen hindurch und war in der Dunkelheit des Regens in dem angrenzenden riesigen Park verschwunden.
„Hast du deine Sanitasche dabei?“, rief Leroy, der schon halb die Tür geöffnet hatte.
„Ich bin Rettungssanitäterin, was denkst du?“
Hektisch öffnete er die hintere Tür auf der Beifahrerseite und zog einen schlanken Stab, der mit vielerlei Runen und Sigillen verziert war, von der Rückbank.
Leroy beugte sich zurück ins Auto: „Sie ist verletzt, sie wird medizinische Hilfe brauchen, hilfst du mir?“
Ade sah ihrem Freund tief in die Augen und erkannte seine Entschlossenheit. Sie nickte entschieden. Manchmal bedarf es keiner weiteren Worte. Der Elementarist warf krachend die Tür ins Schloss und jagte dem Schatten hinterher. Bereits nach wenigen Metern war die warme Insel aus Licht, Gesang und Freundschaft hinter einem Vorhang aus Regen und Kälte verschwunden.
Der Magier hetzte zwischen zwei Fahrzeugen hindurch, schwang sich über die Mittelleitplanke und überquerte die Gegenfahrbahn. Jemand hupte, doch Leroy kümmerte das nicht. Mit großen Sätzen jagte er in den Park. Schon nach wenigen Schritten wurde der Straßenlärm von den Sträuchern verschluckt. Wegen des dichten Regens sah der Elementarist keine zehn Meter weit. Hektisch kramte er ein Döschen mit Minzpastillen aus einer seiner Manteltaschen. Eigentlich hätte er frische Minzblätter gebraucht, doch Minzbonbons mussten

reichen. Während die kühle Minze sich im Mund ausbreitete, seine Lungen erfüllte und seine Nase erreichte, schrieb er mit seinem Stab eine Glyphe der Hellsicht in den Regen. Ein kurzer Impuls seiner Macht und seine Sinnesorgane zeigten ihm eine völlig neue und doch vertraute Welt.
Deutlich nahm er den Geruch von nassem Hund wahr, der schwer in der Luft hing. Oder war es nasser Wolf? Er hörte ein tiefes Knurren, etwas zischte. Dann das herzzerreißende Aufjaulen eines getretenen Vierbeiners. Leroy erkannte die Richtung und sprintete los. Eine Hand schützend vor die Augen haltend sah er nicht wirklich, wohin er lief.
Normalerweise hätte der Luftelementarist sich von seinem Element leiten lassen, denn instinktiv spürte er, wenn Windströme durch Hindernisse unterbrochen wurden. Bei dieser hohen Luftfeuchtigkeit war diese Fähigkeit jedoch nachhaltig eingeschränkt. Leroy lief wie durch Watte, durch eklige nasse Watte. Zu der Witterung nach Wolf mischte sich wenig später der metallische Geruch von Blut.
Der Magier wich einer Parkbank aus, die im Lichtschein einer Parklaterne stand und mobilisierte seine letzten Kräfte, um einen schlammigen Hügel hinaufzurennen. Der Rasen unter seinen Füßen war matschig und glitschig, die Gummisohlen seiner Turnschuhe waren für solch einen Untergrund nicht geeignet. Mehr als einmal rutschte er aus und fing sich gerade so mit seinem Stab ab. Endlich auf dem Hügelkamm angekommen, sah er sein Ziel.
Die junge Frau lag im Schlamm, halb aufgerichtet, nicht aufgeben wollend, während ein bulliger Schatten sich drohend über sie beugte.
„Dein Wolf gehört schon mir, Weib!“, schrie die schemenhafte Gestalt sie triumphierend durch den Regen an. „Dich niederzustrecken ist nur eine Formsache!“
Leroy erkannte, dass der Angreifer eine silbrig glänzende Machete unter seiner Jacke hervorzog. Die Frau am Boden fletschte reflexhaft die Zähne, doch wirkte diese Drohgebärde

falsch, beinahe lächerlich.
„Viel zu feucht für Feuermagie“, murmelte Leroy zähneknirschend und suchte nach Alternativen. Wasser wäre hier die Kraft der Wahl, leider hatte er zu dem flüssigen Element nur eine sehr schwache Verbindung, die er höchstens in Ritualen anzapfen konnte. Jedoch stand er unter freiem Himmel, und auch wenn es regnete, so war dies noch immer die Domäne seiner Elementarkraft.
Leroy zeichnete die Glyphe für „schnelle Bewegung“ mit seinem Stab vor sich in die Luft und schrie das Befehlswort „Percutere!“
Der Wind wurde hinter ihm angesaugt, verdichtete sich für einen Moment um seine ausgestreckte Hand und eine Faust aus massiver Luft schoss durch den Regen. Der Zauber traf den Angreifer unvorbereitet in die ungeschützte Flanke. Der Elementarist hörte dank seiner verschärften Sinne deutlich, wie mindestens eine Rippe brach, als die Wucht seines Angriffs die Gestalt einige Meter von der jungen Frau wegschleuderte. Leroy wusste, dass er den Druck seiner Attacken aufrechterhalten musste, also ließ er seinen Stab in einem großen Bogen herumpeitschen und schrie: „Abut!“ Eine gezielte Windböe in Orkanstärke ließ seinen Gegner meterweit über den Rasen rollen und rutschen. Doch der Angreifer war noch weit davon entfernt von seinem Opfer abzulassen. Schlammverschmiert richtete er sich langsam wieder auf.
„Verpiss dich, Magier – du hast hier nichts verloren!“
„Du irrst dich, Arschloch!“, schrie Leroy durch den Regen, „wenn es um Mord geht, dann kümmert es mich.“
Mit einem Mal wechselte die Augenfarbe der Gestalt in ein intensives leuchtendes Gelb.
Der Elementarmagier bekam eine Gänsehaut.
„Ein Hexenmeister!“, keuchte Leroy.
Das war nicht gut, das war gar nicht gut.

© 2024 Karsten Zingsheim

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